News 2018


Oskar Moll und die Tochter des Kunsthistorikers Wilhelm Waetzoldt

News2018.jpg

Lesende mit roter Jacke. 1925
Öl auf Leinwand
100 x 75 cm
sign., bez. u. dat. u.l.: Oskar Moll / Levanto 25
Privatbesitz
 

 

In seinen Breslauer Akademiejahren pflegte Oskar Moll regen Kontakt mit namhaften deutschen Kunsthistorikern. Neben seiner Bekanntschaft mit Wilhelm Pinder, der 1916 und 1919 an der Universität Breslau lehrte, mit August Grisebach, dem Ordinarius für Kunstgeschichte an derselben Universität oder mit Heinz Braune, dem Direktor des Schlesischen Museum für bildende Künste in Breslau, war die Beziehung zu Wilhelm Waetzoldt wohl enger. Zumindest statteten sie als Italienfreunde sich wechselseitig Besuche ab, wenn der Kunsthistoriker in Florenz weilte und der bildende Künstler in Levanto Erholung suchte. Als Waetzoldt 1927 zum Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin berufen wurde, in dessen Funktion er besonders die moderne Kunst förderte, war ihm der arrivierte Stillleben- und Landschaftsmaler kein unbekannter mehr.

Denn ein halbes Jahr vor seiner offiziellen Berufung zum Breslauer Akademiedirektor widmete sich Moll 1925 während eines Frühjahrsaufenthaltes in Levanto einer „Lesenden mit roter Jacke“. Hinter diesem Modell verbirgt sich Waetzoldts 15-jährige Tochter Ursula, die in einem Innenraum neben einem geöffneten Fenster mit erhöhter Sicht auf das azurblaue Meer Platz genommen hat. Die erwachsen wirkende Teenagerin hält ein aufgeschlagenes Buch in den Händen, von dem sie achtsam zum Betrachter aufblickt. Kontrastreich in den Grundfarben setzen sich ihre kurzen blonden Haare, ihre rote Jacke und ihr blauer Rock von den Grünnuancen des geblümten Hintergrundes ab.

In späteren Jahren wird Ursula an der Seite ihrer fünf Kinder aus zwei Ehen eine ansehnliche Karriere als Militärhistorikerin starten. Als zuletzt verheiratete von Gersdorff gab die promovierte Geschichtswissenschaftlerin am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg/Breisgau zwischen 1958 und 1977 Schriften zur Kriegsgeschichte heraus. Ihre profunde Abhandlung über „Frauen im Kriegsdienst“ fand in der Fachwelt große Beachtung.

Über neunzig Jahre nach Entstehen ihres Jugendbildnisses taucht es erstmals auf dem deutschen Kunstmarkt auf, zuletzt am 1. Dezember 2017 auf einer Auktion bei Lempertz in Köln, wo es nicht verkauft wird. Die „Lesende mit roter Jacke“ scheint außerhalb ihrer Familiengeschichte nicht vermittelbar. Für Moll steht allerdings dieses anmutige Bildnis am Beginn einer Breslauer Porträtserie interessanter Künstlerfrauen wie zum Beispiel von Ilse Molzahn, Else Muche und Inge von Mandel.