News 2021


Hommage à Johann Sebastian Bach

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Flöte mit Fenster. 1927
Öl auf Leinwand
Maße unbekannt
Verbleib unbekannt
 

 

Im Frühjahr 1925 wurde Oskar Molls Werkschaffen in einer retrospektiven Ausstellung der Breslauer Gesellschaft der Kunstfreunde e.V. gewürdigt. Im Herbst desselben Jahres erreichte ihn dann seine Berufung zum Direktor der Breslauer Kunstakademie. Beide Ereignisse könnten für den ehemaligen Matisse-Schüler nach einer intensiven Phase des lichten Impressionismus und farbmodulierenden Fauvismus Anlass gewesen sein, sich neu zu orientieren und künftig mit „einer Art Kubismus“ (Oskar Moll) zu beschäftigen.

Ohne sich theoretisch mit dem Kubismus in seiner klassischen Vollendung durch Juan Gris, Pablo Picasso und Georges Braque auseinanderzusetzen, verinnerlichte Moll das kubistische Formenvokabular, indem er sich die Technik der Collage aneignete. Besonders in seinen Stillleben zwischen 1927 und 1930 arbeitete er zunehmend mit multiperspektivischen Überschneidungen, die den Raum auflösen. Gegenstände als zusammenhanglose Versatzstücke verbinden sich zuweilen zu einer geometrischen Bildkonstruktion, bestehend aus einem Geflecht von Schachbrettmuster, Gitterstruktur, Linien-, Wellen- und  Zickzackform. Zahlen, Buchstaben oder einzelne Wörter werden in die Bildszene mit integriert.

Bei „Flöte mit Fenster“ verdichten sich in schiefer Perspektive mehrere Utensilien aus der Musik. Mittelpunkt der Komposition bildet ein Tisch mit Fransendecke, auf der sich eine Querflöte zwischen ihrem geöffneten Koffer und einem Notenbuch ausbreitet. In einem verschachtelten System aus Linien, Flächen und Formen erahnen wir ausschnitthaft Notenzeilen und rudimentär Formen eines Notenschlüssels. Mit dem zweifachen Namenszug „J.S. BACH“, der im schrägen und vertikalen Verlauf der Versalien das Arrangement rahmt, versteht Moll sein kubistisches Gemälde als Hommage an einen der größten Barockmusiker der Musikgeschichte.

Das selbst musizierende Künstlerehepaar Oskar und Marg Moll war der klassischen Musik sehr zugewandt. In seinen privaten Berliner und Breslauer Wohnräumen, die von großbürgerlich gepflegter Vornehmheit charakterisiert waren, wurde stets eigens ein Musikzimmer eingerichtet. Neben Johann Sebastian Bach gehörten Claude Debussy und Maurice Ravel zu Molls Lieblingskomponisten.  
 
Über Provenienz und Verbleib dieses außergewöhnlichen Gemäldes ist nichts Näheres bekannt. Seine Existenz mit Bildtitel und Datierung verdankt es lediglich einer Schwarz-Weiß-Abbildung, die 1929 als Illustration in einem  Aufsatz über Oskar Moll erschienen ist, den der bekannte Kunstkritiker und Fotograf Franz Roh schrieb.

Abbildung reproduziert aus: Franz Roh: Das Fenster. Zu Bildern von Oskar Moll. Ein geschichtlicher Durchblick, in: Schlesische Monatshefte 6, 1929, S. 380